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Wertschöpfung
geschieht im Kopf
Wie
Wertzuordnung zu Produkten und Unternehmen sowie Akzeptanz von
Technologien entstehen
Von Hans R.
Moning, Dr. sc. techn. ETH, dipl. PR-Berater BR/SPRG
Dass
wir Produkte wegen ihres Nutzens und ihres Gegenwertes für den
investierten Geldbetrag kaufen,
ist unbestritten. Bei differenzierterer Betrachtung erscheinen die
Zusammenhänge jedoch komplexer.
Wenn wir von einem nützlichen, wertvollen und attraktiven Gegenstand
sprechen, verstehen
wir Nutzen, Wert und Attraktivität als Eigenschaften dieses Objekts. Doch
ein und dasselbe Objekt
ist – wie wir aus Erfahrung wissen - nicht für jeden potenziellen Käufer
zu jeder Zeit und unter allen
Umständen von gleichem Nutzen oder gleichem Wert. Wie erklärt sich
dieser Widerspruch?
Jeder konstruiert sich seine Wirklichkeit
Biologen,
Gehirnforscher und Psychologen sind sich heute weitgehend einig: Wir
Menschen haben keinen
direkten Zugang zur physikalischen Realität. Unsere Sinnesorgane geben
nur "bedeutungsfreie" elektrische
Signale an unser Gehirn weiter. Dieses interpretiert die Signale und weist
ihnen Bedeutung zu.
Wir konstruieren also unser Bild von der Realität, ein Weltbild oder -
mit andern Worten - unsere eigene
Wirklichkeit. Und diese ist massgebend für unser Verhalten. Um Klarheit
zu schaffen, verwenden
verschiedene Autoren, wie zum Beispiel der Kommunikationspsychologe Paul
Watzlawick, die Begriffe
"Wirklichkeit" und "Realität" mit gegenseitig klar
abgegrenzten unterschiedlichen Bedeutungen. Wirklichkeit
steht für das vom Gehirn konstruierte individuelle, subjektive Weltbild.
Realität dagegen bezeichnet
das, was unabhängig vom Subjektiven, also von Wahrnehmung, Gefühlen, Wünschen
oder Abneigungen,
objektiv der Fall ist und existiert.
Unser
vom Gehirn konstruiertes Weltbild wird in einem lebenslangen Lernprozess
überprüft. Beibehalten wird
nur, was sich in der Praxis bewährt. Die Interpretationen der Signale der
verschiedenen Sinnesorgane
werden laufend untereinander und auch mit den im Gedächtnis gespeicherten
Erfahrungen verglichen,
bevor sie allenfalls zu einer Modifikation der konstruierten Wirklichkeit
Anlass geben. Dabei wird
bestehendes Wissen durch neu ankommende Informationen bestätigt,
verbessert, erweitert und auch
korrigiert. Der gespeicherte Erfahrungsschatz setzt sich sowohl aus
eigenen als auch aus fremden,
durch Kommunikation angeeigneten, Erfahrungen zusammen.
Kriterien für erfolgreiches Andocken neuer Informationselemente
Der
Prozess des Interpretierens der eingehenden Signale und des Auswählens
der Informationselemente,
die schliesslich für die Konsolidierung oder den Umbau der konstruierten
Wirklichkeit verwendet
werden, ist sehr komplex. Entscheidend ist, dass sich im Gehirn neue
Inhaltselemente einordnen
und mit dem bestehenden Weltbild verknüpfen lassen, dass sie sozusagen an
der vorhandenen
Wirklichkeitskonstruktion andocken und diese ergänzen können. Was sich
mit Vertrautem überhaupt
nicht verknüpfen lässt, kann Unbehagen oder gar Angst auslösen. Fehlen
dagegen einem Individuum
jegliche Impulse für eine laufende Ausgestaltung seines Weltbildes
und wird seine natürliche
Neugier nicht befriedigt, können Langeweile und das Gefühl von
Sinnlosigkeit die Folge sein.
Emotionen
spielen bei der Konstruktion des Weltbildes im Gehirn als steuernde
Elemente eine entscheidende
Rolle. Sie beeinflussen die Aufmerksamkeit und kontrollieren weitgehend
die Wahrnehmungsselektion.
Sie bestimmen, welche Inhalte im Gedächtnis gespeichert, mit welchen
Inhalten diese assoziativ
vernetzt und in welchen Zusammenhängen sie erinnert werden. Inhalte, die
emotionale Betroffenheit
auslösen, die einem nahegehen, wecken Aufmerksamkeit, überwinden die
Schranken der selektiven
Wahrnehmung am leichtesten und werden bevorzugt im Gedächtnis
gespeichert.
Dass
sich jedes Gehirn sein Bild von der Welt schafft, bedeutet jedoch nicht,
dass jedes Individuum zu vollständig
anderen Weltbildkonstruktionen gelangt. Die individuellen Weltbilder
innerhalb einer Gesellschaft
sind sich in vielem sehr ähnlich. Denn durch Beobachtung und in der
Kommunikation mit anderen erhalten
wir ständig Feed-back-Signale aus unserer sozialen Umwelt. Wir lernen aus
dem Verhalten der andern
etwas über deren Wirklichkeit und wir passen unsere eigene Wirklichkeit
teilweise daran an. Im ständigen
Erproben, Bestätigen und Verwerfen und im Austausch mit andern Menschen
arbeiten wir laufend
an der Konstruktion unserer individuellen Wirklichkeit.
Wert und Nutzen existieren nur im Kopf
Als
Akteure im Wirtschaftsleben müssen wir - auch wenn sich unsere Intuition
dagegen sträubt - zur Kenntnis
nehmen: Kein Unternehmen, kein Rohstoff, kein Konsum-, Produktions- oder
Investitionsgut wie
auch keine Dienstleistung hat an sich einen Wert. Nutzen und Wert werden
mit unseren Marktleistungen
nur im Kopf unserer Zielpersonen assoziiert. Faktoren, welche die
Zuordnung von Bedeutung, Sinn,
Nutzen und kommerziellem Wert beeinflussen, sind beispielsweise Gewinn-,
Geltungs- und Machtstreben,
erwarteter Lustgewinn, Gier, aber auch Sicherheitsbedürfnis oder Befürchtungen,
Angst und
Panik. Hinter jeder wirtschaftlichen Transaktion – vom alltäglichen
Lebensmittel-Einkauf über den Handel
an den Wertschriften- und Rohstoff-Börsen bis zum Verkauf ganzer
Unternehmungen - wirken die
Mechanismen der subjektiven Zuordnung von Wert und Nutzen.
Diese
Erkenntnis lässt uns Marketing- und Unternehmenskommunikation aus einer
neuen Optik sehen:
Einerseits
verspricht sie einen faszinierenden, grossen Spielraum für gestaltendes
Einwirken auf die Wahrnehmung
unserer Marktleistungen. Wenn Wert und Bedeutung nicht Teil der Realität
sind, sondern Aspekte
individueller Interpretationen der Realität, können wir durch gezielte
Kommunikation die Wahrnehmung
von Wert und Nutzen beeinflussen. Auf übersättigten Märkten bieten sich
beispielsweise dank professionellem
Perception Engineering oder Perception Management auch dort noch psychologische Profilierungsmöglichkeiten,
wo allein durch Massnahmen auf der physikalisch-technischen Ebene kaum noch
eine Differenzierung zu erreichen ist.
Andererseits
können ausser Kontrolle geratene Wertzuordnungsprozesse erschütternde
volkswirtschaftliche
Auswirkungen zeitigen. Wenn Gier Anleger zu wilden Spekulationen antreibt
und Aktienkurse
in irrationale Höhen schnellen lässt, ist der nachfolgende Crash bereits
programmiert. Kriegsangst kann
die Wertzuordnung im Rohstoffsektor – beispielsweise beim Erdöl -
dramatisch beeinflussen und damit
die konjunkturelle Entwicklung der Weltwirtschaft markant beeinträchtigen.
Eine
im Business-to-Business-Marketing besonders ausgeprägte Erscheinung ist
die Heterogenität der an
Beschaffungsentscheiden beteiligten Akteure. Hier gilt es, zu
realistischen Einschätzungen der unterschiedlichen
Nutzenerwartungen zu gelangen und die Kommunikation differenziert danach
auszurichten.
Der Einkäufer sucht vielleicht persönliche Profilierung - oder
Sicherheit, weil er seine Stellung nicht
gefährden möchte. Der Profit Center-Verantwortliche mag sich vom Einsatz
einer effizienten Produktionsanlage
eine Verbesserung seines Leistungsausweises und damit eine Steigerung
seiner Karrierechancen
versprechen. Der Unternehmer könnte an der Gewinnsteigerung durch
Rationalisierung, am
Ausbau der Marktstellung seines Unternehmens und damit auch am Machtgewinn
interessiert sein - oder
vielleicht auch am Prestige, das fortschrittliche Produktionsmittel seinem
Unternehmen verleihen.
Wertschöpfung durch Kommunikation
In
Kommunikationsprozessen auf die Zuordnung von Wert und Nutzen im Kopf der
Zielpersonen Einfluss zu
nehmen, ist eine anspruchsvolle Herausforderung. So gilt es zum Beispiel
in der Marketing-Kommunikation,
wirksame Verbindungen herzustellen zwischen den physikalisch-technischen
Eigenschaften
eines Produkts und den Bedürfnissen, Wünschen und Problemen der
Anwender. Dies setzt voraus,
dass sich ein Kommunikationsspezialist rasch in eine komplexe Materie
einzuarbeiten versteht (z.
B. wenn es um Technologie-Kommunikation
geht), um auf Grund der Produkteigenschaften Ansatzpunkte
für Botschaften zu erkennen, die den Prozess der Zuordnung von Nutzen und
Wert unterstützen. Weiter
muss er über kommunikationspsychologisches Wissen und soziotechnisches
Know-how verfügen,
um diese Botschaften gehirngerecht zu vermitteln (Regeln
für gehirngerechte Kommunikation). Und
schliesslich braucht es auch das erforderliche praxisbezogene Wissen und
umfassende Kenntnisse
der Methoden und Instrumente der Unternehmens- und
Marketing-Kommunikation. Erst diese Kombination
von Kompetenzen bietet Gewähr für wirksame
Kommunikation im Sinne eines modernen Perception
Managements.
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